April bis Juni’15


Ok, dieses Mal versuch ich mich wirklich kurz zu fassen, den morgen heißt es für uns wieder um 6 Uhr aus den Federn springen. Die letzten zwei Tagen waren dazu da zu organisieren, was das Zeug hält. Bei unserem letzten Besuch in der Region Nuwaklot haben wir auf der Rückfahrt noch spontan ein Dorf besucht, bei dem tatsächlich 100 % der Häuser zerstört wurden. 300 Familien haben kein Dach mehr über dem Kopf. Als Bauern haben sie ebenso ihre Lebensgrundlage verloren, da ihre Saatgut in den Häusern verschütt gegangen ist, Reisvorräte und andere Lebensmittel ebenso. Das Dorf heißt Alam Dada 6. (Es gibt insgesamt 9 Alam Dadas in der Region.) Viele der Dorfbewohner stammen aus der untersten Kaste. Das bedeutet, dass ihnen Händler in den umliegenden Dörfern keinen Kredit auf Lebensmittel geben, da sie zu arm sind, um diesen tatsächlich zurück zahlen zu können. Was sollen sie also essen? Wo sollen sie schlafen? Wo können sie unter kommen, wenn es regnet?

Uns war sofort klar, dass wir als nächstes dieses Dorf unterstützen wollen. Diese Entscheidungen haben wir vor gerade mal zwei Tagen getroffen und heute Abend steht der Plan. Innerhalb dieser zwei Tage haben wir ein Team zusammen gestellt, genug Cash beschafft, den Transport organiert, Zeltplanen und ausreichend Nahrung gekauft und das für insgesamt 300 Familien. D.h. wir werden morgen über 2000 Menschen mit Nahrung und einer Unterkunft versorgen. Und damit hört unser Plan nicht auf… wir wollen nun auch schon langfristig dort mit dem Wiederaufbau beginnen und in kürzerster Zeit die Menschen mit Wellblech und Werkzeug versorgen, um gemeinsam mit den Dorfbewohnern neue Unterkünfte bauen, sodass sie die Monsumzeit überstehen können.

Morgen wird uns auch ein spanisches Filmteam begleiten, welches einen Dokumentarfilm über freiwillige Voluntiere dreht, die in den weit abgelegenen Bergregionen Hilfe leisten. Toll, wieviele Menschen hier Vertrauen in uns setzten und mit uns zusammen arbeiten wollen!

An dieser Stelle, ein großen Dank von uns an all die Menschen, die uns in den letzten zwei Tagen so enorm unterstützt haben, dass wir diese wahnsinnige Logistik innerhalb so kurzer Zeit überhaupt auf die Beine stellen konnten. Daniel und Joel aus Kanada, die unser Team begleiten und 100.000 Rupien beisteuern, Thea, die ebenfalls neues Teammitglied ist und weitere 100.000 Rupien einbringt, Dany steurt 50.000 Rupien bei und Nico, der Betreiber unseres Hostels beschafft uns weitere Zeltplanen bis morgen früh und stellt uns 200.000 Rupien zur Verfügung. Allein für 300 Familien kaufen wir Lebensmittel im Wert von 600.000 Rupien ein, sprich knapp 5.500 Euro! Und da sind weder Zeltplanen noch Transport mit einberechnet. Ein Danke an Zach für all die Logistik bezüglich Transport und einen großen Dank an Hanuman, der alle Nahrungsmittel in seinem Dorf besorgt und uns wieder einmal in seinem Heim übernachten lässt. So viele gute Seelen! Oft standen wir in den letzten zwei Tagen vor dem angeblichen „Aus“. Wie soll das noch zu bewerkstelligen sein? Die Lieferung der 100 Zeltplanen kommt doch nicht rechtzeitig an! Wir bekommen nicht so viel Cash auf einmal aus der ATM! All diese Fragen und Probleme… doch immer wieder kamen kleine Lichter auf uns zu, in Form von wunderbaren Menschen, die unsere Mission unterstützen wollten! Danke! Danke! Und nochmal Danke!

Somit verabschieden wir uns nochmal für zwei Tagen. Morgen geht’s erneut in die Berge von Nuwaklot, über 2000 Menschen glücklich machen!

Namaste!

Germaid & Björn

Tag 9 und 10

Das war das Ziel unserer Reise der letzten zwei Tage. Die Region Nuwaklot liegt nord-westlich von Kathmandu und ist 67 km und 3 Autostunden von der Hauptstadt entfernt. In Nuwaklot wollten wir zunächst die Stadt Devighat erreichen. Ein wunderschöner Ort im Tal, an dem zwei Flussströmungen aus den Bergen aufeinander treffen. Von dort aus sollte der Weg uns noch stundenlang weiter führen in die Berge, über Bergkämme, durch Wälder, auf staubigen Schotterstraßen mit einer riesigen Truck-Ladung Nahrungsmittel und immer am Rande des Abgrunds. Stätig ging es bergauf, bis zu einem sehr hochgelegenen Dorf namens Dhadakharka auf der Spitze des Berges.
Bevor wir jedoch unseren zweitägigen Hilfsgüter-Trip angetreten sind, ging es wieder einmal auf Shopping-Tour. In Kathmandu organisierten wir zwei Pick-Ups, auf denen wir die Ladung von 120 Säcken Reis (25 kg), 5 Säcke Dhal/Linsen (30 kg), über hunderte Packete Salz, sowie Öl, Kekse und Zeltplanen aufluden. Unser Team, welches sich auf den Weg gemacht hat, bestand aus fünf ausländischen Helfern, inklusive uns, und vielen weiteren Einheimischen. Schon die Fahrt nach Devighat war ein Abenteuer. Während die Truck-Fahrer die Serpentinen hochheizten, saßen wir oben auf der Ladung des Trucks und wurden von einer Seite zur anderen geschleudert, mit Mundschutz natürlich, sonst wäre die Fahrt auf den staubigen Straßen kaum auszuhalten gewesen. Leider zeigte einer unserer Fahrer etwas zu viel Ambition und donnerte Full-Speed eine steile Straße hinunter. Unser vorderer Pick-Up musste plötzlich stark bremsen und schon war es geschehen. Der hintere Pick-Up krachte auf den anderen und beide Pick-Ups hatten beachtlich Schäden in der Verkleidung. Nach ein wenig hin und her überlegen, war es klar, wir fahren weiter. Niemand war verletzt, die Autos noch fahrtüchtig, also weiter ging’s…
Angekommen in Devighat! Hier luden wir zunächst einmal all unsere Hilfsgüter ab und organisierten einen größeren Truck und einen Fahrer mit mehr Erfahrung, der uns am nächsten Tag weit in die Berge bringen sollte, denn weiter Unfälle wären lebensgefährlich geworden, auf den Straßen, die nun vor uns lagen. Eine schmale Hängebrücke über den Fluss Trishuli, führte uns dann in unser Nachtlager. In dem Ort Trishuli, einen 10-minütigen Fußmarsch über die Hängebrücke von Devighat entfernt, trafen wir auf eine wunderbare Local-Familie, die uns herzlich aufgenommen hat. Hanuman, einer der Dorfbewohner lud uns ein, bei ihm zu übernachten, seine Frau beköstigte uns. Wir durften eine Gastfreundschaft erleben, die einen das Herz wärmt, wenn man bedenkt, dass auch diese Menschen alles verloren haben. Trishuli selbst ist zu 70 % zerstört. Viele Menschen auf dem Weg zu unserer Herberge haben wir schon am Rand der Straße medizinisch versorgt. Obwohl Hanuman und seine Familie selbst kein Haus mehr besitzen, weil alles in Schutt und Asche liegt, hat er uns aufgenommen und alles daran getan, dass wir unsere Reise am nächsten Tag fortführen können nach Dhadakharka. Als wir unser Lager unter zwei Zeltplanen errichtet hatten, kamen weitere Dorfbewohner mit Verletzungen, die wir behandelt haben. Unsere Krankenschwester Therese hat Germaid und Megan aus unserem Team bereits in die Ausbildung der Erste Hilfe genommen, sodass wir ebenso medizinische Versorgung leisten können. Unsere Herzen waren zutiefst mit Trauer erfüllt, als ein Vater mit seiner kleinen fünfjährigen Tochter mit einem ernormen Verband, um ihre Hand zu uns kam. Ihr ist beim Beben ein Stein auf die Hand gefallen, sodass ein Finger einen offenen Bruch hatte. Dieser war eigentlich zu retten gewesen. Doch der zuständige Arzt im Krankenhaus hatte zur Zeit der Beben so viel zu tun, dass er einfach den Finger des Mädchens amputierte. Die Kleine war unfassbar tapfer, als unsere Krankenschwester ihr einen neuen Verband angelegt hat.
Unsere Nacht verbrachten wir dann in einer Wellblechhütte auf dem Lehmboden. Toll! Hanuman und seine Familie haben innerhalb von zwei Tagen diese großartige Hütte aus den Trümmern wieder aufgebaut und können hier nun vorläufig einigermaßen gut leben. Wir fühlten uns geehrt und empfanden diese Unterkunft als das beste Hotel, in welchem wir bisher auf unserer Reise Gast sein durften.
Der nächste Morgen: Um Punkt 6:00 Uhr wurden wir von einem unserer Locals aus den Federn getrommelt. Während das Dorfleben schon längst im Gange war, schliefen wir Ausländer noch tief und fest. Und dann ging’s los. Der größere Truck konnte nun die ganze Ladung fassen, die wir zuvor auf zwei Pick-Ups verteilt hatten. Alle Mann und Frau wieder hinten drauf auf die Ladung, Mundschutz aufgesetzt und ab in die hohen Berge. Der Weg führte auf der schmalen, staubigen Straße, die sich an den Berghängen entlang schlengelte an tiefen Schluchten vorbei. Teilweise sahen wir neben uns nur noch Abgrund. Das Beben hinterließ auch hier seine Spuren. Es lagen viele Felsbrocken auf der Fahrbahn und enorme Risse durchzogen den Weg. Doch unser Fahrer war top und verdient einen Orden dafür, dass er uns diese abenteuerliche Straße sicher hoch und runter gebracht hat. Oft mussten wir anhalten und unsere Jungs schoben den Truck an, wenn dieser die Steigung nicht schaffte. Zwei mal mussten wir sogar die Hälfte der Säcke abladen, weil die Ladung zu schwer war für gewisse Wegstrecken. Der Truck fuhr dann mit der anderen Hälfte die extreme Steigung weiter. Oben angekommen luden wir den Rest ab, der Truck fuhr wieder runter und holte Teil zwei der Ladung nach oben. An einer Stelle kamen die Dorfbewohner herunter und schleppten die 25-Kilo schweren Reissäcke selbst nach oben, sodass der Truck ohne Ladung weiterfahren konnte, weil der Weg einfach immer steiler und unbefahrbarer wurde. Wir begegneten einem ca. 70-jähriger Mann der weiter unten am Berg auf unseren Truck hüpfen wollte, um ein paar Meter mitgenommen zu werden. Er wurde jedoch wieder herunter gegeten. Egal, oben auf dem Berg trafen wir ihn wieder, vielleicht eine Stunde später hatte er uns mühelos eingeholt. Genüßlich und entspannt paffte er auf seiner selbstgebastelten Pfeife und lief beschwingt den Berg wieder hinunter mit seinen drahtigen Beinen. Keine 10 Minuten später spazierte er wieder nach oben, diesmal mit einem 25-Kilo schweren Sack Reis auf seinen Schultern. Die Menschen in den Bergdörfern sind einfach der Wahnsinn. Alte Männer und Frauen und Kinder tragen hier die schwerste Last vor ihre Stirn gebunden, alles gar kein Problem. Sehr beeindruckend. Nach ca. 5 Stunden gelangten wir dann endlich in das Dorf Dhadakharka. Hier oben und auch schon auf dem Weg hierhin wurden wir mit dem schönsten Blick der Welt belohnt über Berggipfel, bewäldete Hänge, saftig grüne Reis-Terrassenfelder. Dieses Land ist so unfassbar schön, dass wir nur staunen konnten.
Wieder einmal versorgten wir die Menschen medizinisch und verschafften uns einen Überblick über die Zerstörung. Viele Häuser waren auch hier zerstört, oder hatten so enorme Risse, dass man sie nicht mehr gefahrlos betreten kann. Das große Problem, was die Menschen hier haben ist, dass ihre Nahrungsvorräte und ihre Saatgut teilweise in den Häusern verschütt gegangen ist, was ihnen als Bauern dauerhaft die Lebengrundlage nimmt. Daher haben wir diese Menschen zunächst einmal mit Nahrung versorgt. 120 Sack Reis, Dhal, Salz, etc. für 120 Familien. Unsere Locals haben die Verteilung vorbildlich organisiert. Es gab eine lange Namensliste der Familien im Dorf. Jede Familie wurde aufgerufen und ein Mitglied kam hervor und konnte die Nahrungsmittel entgegen nehmen. So haben wir verhindert, dass ein zu großer Andrang beim Verteilen der Güter vorherrschte oder dass einige Familien mehr bekamen als andere. An einem Tag konnten wir nun 120 Familien glücklich machen. Hunderte von strahlenden Gesichtern schienen uns entgegen. Wir haben wieder soviel positive Energie mitgenommen, dass wir hier noch wochenlang weitermachen könnten. Als wir uns wieder auf unseren leeren Truck geschwungen haben, liefen viele der Dorfbewohner und Kinder noch freudig und winkend hinterher, immer mit einem Namaste zum Himmel gerichtet. Danke!
Auf dem Weg nach unten wurden wir jetzt nochmal ordentlich durchgeschüttelt, da wir nun auf dem nackten Stahl saßen und nicht mehr auf der Ladung. Doch ein bisschen hatten wir sogar noch über. Kekse, einen Sack Reis und einige Zeltplanen konnten wir auf dem Weg runter nach Trishuli noch aus dem Truck an Menschen verteilen, die auch ihre Herberge verloren haben. So haben wir an diesem Tag über tausend Menschen helfen können, auch dank eurer Spenden. Ihr seit Teil dieser Reise gewesen. Wir danken euch von Herzen, dass wir mit euren Spenden überhaupt solch großen Hilfsaktionen in so abgelegenden Orten möglich machen können. Auf das noch viele folgen! Danke!!
Germaid & Björn
P.S.: Auf dem Weg bergab haben wir in einem Ort einen Mann getroffen, der davon gehört hat, dass ein Hilfsgütertransport in der Region ist. Schnell hat er sich auf den Weg gemacht, uns zu finden. Sein ganzes Dorf sei zerstört, noch keine Hilfe sei angekommen. Die Dorfbewohner stammen aus der niedrigsten Kaste und bekommen teilweise keine Kredite, um sich Lebensmittel zu kaufen. Doch ihre Vorräte und ihre Saat ist verschüttet. Björn ist sofort mit einem Motorbike in dieses Dorf gefahren und hat eine erste Bestandsaufnahme gemacht und tatsächlich: 300 Häuser – 100 % Prozent Zerstörung. Ihr könnt euch sicher sein, dass ihr bald mehr lesen und sehen werden von diesem Dorf, denn das wird unser nächstes Ziel sein!

 

Tag 8 – 06/05

Heutiger Bericht fällt etwas kürzer aus. Es wird immer schwerer, die Zeit zu finden Berichte zu schreiben, doch wir geben unser bestes. Gestern ging es wieder mit drei Bikes in die Dörfer, der näheren Umgebung von Kathmandu. Bestandsaufnahme, medizinische Versorgung durch unsere Krankenschwestern, Verteilung von Nahrung an die Familien. Besonderen Wert legen wir nun darauf, den Menschen Lebensmittel zu bringen, die sie sonst nicht bekommen und die wichtig für ihre Gesundheit sind. Reis, Dhal und Kartoffeln sind stellenweise vorhanden, da die Menschen Farmer sind und teilweise ihre Felder noch bestellen können. Doch gerade Kinder und Säuglinge brauchen unter diesen Lebensumständen Vitamine und Proteine, damit sie einigermaßen gesund bleiben. Milch, Milchpulver, Honig, Kekse, Glukose sind zum Beispiel Dinge, die wir verteilen.

Zwei der Dörfer, die wir heute besucht haben und unsere Stichpunkte über diese:

http://goo.gl/maps/mWQkp
Khokhana 9-15 tausend – Einwohner
90 Tote
60 Zeltplanen
150 traumatisierte Kinder, die in einer Schule untergebracht wurden, damit sie die grausamen Bilder nicht mehr sehen müssen

http://maps.google.com/?q=27.707604%2C85.206740&hl=en&gl=
Bhurtal village ~300 Einwohner
15 Familien
Zeltplanen und Nahrung wird benötigt

Weiterhin sucht ganz Kathmandu und der Rest von Nepal händeringend nach Zeltplanen. Das höchste Gut in dieser Zeit. 1000 Zeltplanen warten auf uns in Delhi, doch Flugunternehmen brauchen bis zu 12 Tage, um diese zu übermitteln. Wir arbeiten jetzt an dem Plan, die Ladung über Land zu importieren. Es ist nicht leicht. Jedoch konnten wir viele freiwillige Helfergruppen in KTM und Gorkha unseren guten Händlerkontakt in Delhi vermitteln, sodass viele Gruppen theoretisch mit Planen versorgt werden können. In ganz Nepal steigen die Preise für Zeltplanen ins unermessliche, da sie überall gebraucht werden.

Ziel ist es jedoch längerfristig in der nächsten Phase ganze Dörfer wieder herzustellen mit Wellblech und Bamboo, damit diese Unterkünfte die Monsumzeit überstehen können.

Weiterhin wollen wir nun immer weiter gehen und die Dörfer erreichen, die mit Truck oder auch Bike nicht zu erreichen sind, denn dort leben auf jeden Fall Menschen, die noch keine Hilfe bekommen haben. Heute geht’s los in ein Dorf nördlich von KTM in der Region Nuwaklot. Wir werden zunächst einige Stunden mit dem Truck und Bikes fahren. Wenn die Straßen anfangen nicht mehr befahrbar zu sein, werden wir noch eine Stunde Fußmarsch vor uns haben, bis wir das Dorf erreichen. Der lange Weg macht es erforderlich eine Nacht in diesem Dorf zu bleiben. Wir werden kein Strom haben oder die Möglichkeit euch upzudaten. Doch keine Sorge in 2 Tagen sind wir wieder da.

Bis dahin!
Eurer Björn und Germaid

P.S.: heute Morgen haben wir es geschafft 20 Zeltplanen zu organisieren und erhalten übermorgen weitere 200! Yeah! Alle haben getanzt vor Freude. Es ist wie Weihnachten und Geburtstag zugleich.

 Tag 7 – 05/05

Der heutige Bericht ist sehr lang, doch BITTE nehmt euch die Zeit, ihn zu lesen! Er handelt von Menschen mit bewegenden Geschichten, über die sonst niemand berichten mag. Wir haben das Zentrale Gefängnis in Kathmandu besucht und vorher wieder einmal viele Güter für die Gefängnisinsassen eingekauft, wie zum Beispiel: Seife, Glukose, Milchpulver für Säuglinge, Nahrung, Medizin, Kekse und vieles mehr.

Die Situation der Gefängnisse in und um Kathmandu herum ist sehr katastrophal. Genau wie in vielen Dörfern, die wir besuchen, müssen wir leider auch hier feststellen, dass keine Hilfe seitens der nepalesischen Regierung, sowie seitens großer NGOs hier her gelangt. Gefängnisinsassen gehören zu der untersten Kaste in Nepal. Die Tatsache, dass sie kriminell geworden sind, lässt sie zudem noch weiter an den Rand der Gesellschaft treten. Wer kümmert sich schon um die Bedürfnisse und die Rechte von Gefängnisinsassen?

Eine Frau tut es! Sie ist ein großes Glanzlicht am Himmel der sozialen Arbeit hier in Nepal. Indira Ranamager, Gründerin von „Prisoners Assistence Nepal“, kämpft für die Menschenrechte von Gefangenen seit nun mehr als 25 Jahren. Wenn Frauen ins Gefängnis kommen, bleiben die Kinder bei ihnen und werden ebenfalls zu Gefängnisinsassen. Diese wunderbare Powerfrau, gibt alles, um Kinder aus den nepalesischen Gefängnissen zu retten und gibt ihnen eine Unterkunft, Nahrung, baut ihnen Schulen, in denen sie Bildung genießen können.

Indira hat uns heute in ein Männer- und ein Frauengefängnis, in dem auch Kinder inhaftiert sind, mitgenommen, sodass wir unsere Spenden dort übermitteln können. Es war uns leider nicht erlaubt innerhalb des Gefängnisses Fotos zu machen, doch hier sind einige Bilder, wie wir Kekse, Kuscheltiere und Kinderkleidung an die Kinder vor dem Gefängnis überreichen.
Doch was wir innerhalb der Gefängnismauern erlebt haben, war für uns mehr als ein Augenöffner, schockierend und bewegend zugleich. Und weil Fotos fehlen, hier ein ausführlicher Bericht:

Die Umstände in den Gefängnissen waren auch vor dem Erdbeben mehr als menschenunwürdig. Um in den Innenhof der separierten Frauen- und Männergefängnisse zu gelangen, mussten wir gebückt durch eine kleine Öffnung im Gitter klettern. Zusammengefercht leben hier 700 Männer auf vielleicht 100qm und im Frauengefängnis sieht es nicht viel anders aus. Das Wasser ist gelb und braun vor Dreck, welches diese Menschen trinken. Es gibt nicht genug Unterkünfte, sodass die Menschen dicht gedrängt auf dem Hof unter Planen nebeneinaner schlafen. In Deutschland gibt es nicht einmal Tierheime, in denen solche Zustände herrschen. Im Frauengefängnis laufen zwischendrin Kinder mit dreckiger Kleidung, krank mit laufenden Nasen und glasigem, traumatisiertem Blick. Eine Frau war mit Handschellen an einen Busch gebunden im Innenhof. Sie ist geistig behindert und hat kleine Steine auf Kinder geworfen. Zur Strafe wird sie tagelang in der prallen Sonne gehalten, ohne Wasser.

Eine Frau im Frauen/Kindergefängnis erzählt uns, dass sie eine 20-jährige Haftstrafe absitzt, weil sie mit Drogen gehandelt hat. Ein paar Meter weiter im Männergefängnis erzählt mir ein Mann, er sei Politiker und habe in Afganistan mit der NATO zusammen gearbeitet. Er war ein Führer der Truppen der „Friedenskämpfer“ und hat den Befehl zu einem Anschlag in Kabul gegeben, bei dem 11 Menschen ums Leben gekommen sind. Das war vor drei Jahren, seitdem sitzt er ein. Doch er sagt, er habe gute Kontakte zur nepalesischen Regierung und es muss nur der richtige Betrag fließen, sodass er wieder in diesem Jahr auf freien Fuß kommt. Ist das gerecht? Eine Frau bekommt 20 Jahre für Drogenhandel und ein politischer Mörder kommt nach drei Jahren mit Hilfe der Regierung wieder raus!!

Ein Mann im Männergefängnis erzählt: Als das Erbeben stattgefunden hat, ist ein kompletter Komplex über den Insassen eingestürzt. 16 Menschen sind gestorben, doch die Medien in Kathmandu haben nur von zwei Menschen berichtet. Es erreichte das Gefängnis keinerlei Hilfe. Die Insassen mussten die Leichen selbst bergen. Als wir über die Trümmer gestiegen sind, hat es immer noch nach Verwesung gerochen, was vermuten lässt, dass weitere Menschen unter den Steinen begraben liegen. Auf den Trümmern haben die Insassen nun ihre improvisierte Unterkunft aus Zeltplanen selbst hergestellt und schlafen nun auf den Ruinen, dicht gedrängt nebeneinander. Das rote Kreuz kam nach dem Beben und hat drei Zeltplanen gebracht. Drei!! Für 700 Insassen!! Sparmaßnahmen des Roten Kreuz? Die Insassen haben ihr Geld zusammengelegt und selbst Planen gekauft. Der Mann sagt: „Wir werden auch alles selbst wieder aufbauen. Das müssen wir ja. Wir müssen ja irgendwie hier leben.“ Niemand kümmert sich sonst!

Unsere Krankenschwester versorgte notdürftig einige Verletzte und machte neue Verbände. Der Arzt, der für dieses Gefängnis zuständig ist, ist bis heute nicht eingetroffen, denn er hat Angst das Gefängnis zu betreten. Es ist tatsächlich auch sehr gefährlich, denn viele Gebäude haben enorme Risse. Bei erneuten Beben drohen diese Gebäude weitere Insassen unter sich zu begraben. Ein Einkaufzentrum, welches direkt neben dem Gefängnis steht, ist durchzogen mit gefährlichen Rissen und neigt sich schon zur Seite. Sollte dieses Gebäude bei einem nächsten Beben auf das Gefängnis fallen, werden tausende Seelen unter dem Konsumtempel begraben werden. Wir selbst haben uns überlegt, in welche Richtung wir rennen sollen, als wir vor dem Gebäude standen, sollte ein starkes Nachbeben beginnen. Doch die Insassen können nirgendwo hinrennen, um ihr Leben zu retten.

Zwei Insassen hatten lebensgefährliche Verletzungen. Die Achillissehne des einen Mannes ist gerissen, als ihm ein starkes Stück Stahl auf sein Bein gefallen ist. Seit 11 Tagen wurde diese Verletzung nicht behandelt, sodass sich sein ganzer Muskel versteift hat. Unsere Krankenschwester war schockiert und hat ihm eine Salbe gegen Muskelschmerzen auf das Bein verteilt. Mehr konnte sie nicht tun. Doch sie sagte: „Dieser Mann braucht sofort eine Operation, sonst wird er auf jeden Fall sterben.“ Ein anderer Mann hat eine offene Wunde am Bein, wahrscheinlich leidet er bereits an einer Blutvergiftung. Auch er wird sterben, wenn er nicht bald in einem Krankenhaus behandelt wird. Als wir im Büro des Gefängnisleiters waren, hat unsere Krankenschwester versucht, ihn von der Dringlichkeit der Behandlungen zu überzeugen. Er hat die Fälle aufgenommen, doch während der ganzen Zeit schien ihn sein Fernseher mehr zu interessieren als die Menschenleben.

Ich selbst habe einen Mann medizinisch versorgt. Tatsächlich habe ich lediglich eine Salbe auf sein Bein geschmiert, doch er schaut mich an und sagt mit strahlenden Augen: „Du bist mein Engel. Du hast mich gerettet.“ Vor Dankbarkeit fängt er an zu singen und alle Gefängnisinsassen fangen begeistert an im Takt mit zu klatschen.

Wie konnten wir dieses große Leid mit unseren wenigen Gütern schon mildern? Unseren wenigen Lebensmitteln, unserer eingeschränkten, medizinischen Versorgung, unser fünf Decken für 700 Menschen?? Doch was die Insassen uns gegeben haben, ist nicht in Worte zu fassen. Freudestrahlend haben sie uns empfangen, mit den Händen vor die Stirn zu einem Namaste zusammengelegt. Die Freude und Dankbarkeit, die uns entgegen gebracht wurde, dass wir zu ihnen gekommen sind, um ihnen zu helfen, war einfach überwältigend. Denn wer geht schon zu Kriminellen und leistet Hilfe? Wer nimmt sich ihrer an? Heute haben wir vielleicht nicht viele Güter geben können, im Vergleich zu dem, was dort wirklich gebraucht wird, doch wir haben den Menschen das Gefühl geschenkt, dass sich jemand um sie kümmert und das hat all unsere Seelen zum strahlen gebracht. Wir sind zu Tränen gerührt und unendlich dankbar, dass wir durch Indira Zugang zu den Gefängnissen erhalten haben, sodass wir euch von diesen vergessenen Seelen berichten können. Bitte vergesst sie nicht. Wir werden es auf jeden Fall nicht tun!

Mit bewegten Herzen
Germaid & Björn

 Tag 6 – 04/05

Eins ist klar, einen normalen Tag gibt es hier nicht mehr. Jedesmal warten andere Aufgaben auf uns, doch eins haben alle Tage gemeinsam. Morgens klingelt um 6 Uhr der Wecker und spätestens um 7 Uhr wird aufgestanden, während wir Nachts frühestens um 1 Uhr ins Bett fallen.
Heute Vormittag zogen wir erneut los in Dörfer, dieses Mal in Vororte rings um Kathmandu. Ziel war es, in den verschiedenen Gebieten herauszufinden, wie die Lage der Dorfbewohner aussieht. Wieviel Prozent der Häuser sind zerstört? Wo werden Zeltplanen benötigt? Wo muss Nahrung ausgeteilt werden? Wo benötigen die Menschen medizinische Versorgung? Wir arbeiten mittlerweile in einem guten Team zusammen, welches aus Locals, sowie Ausländern, die schon jahrelang in Nepal soziale Arbeit leisten und zwei Krankenschwestern aus Frankreich besteht. Fazit der Tour war, dass auch nahe der Hauptstadt der Großteil der Häuser zerstört sind. Nahrung und medizinische Versorgung schien stellenweise gegeben, jedoch lange nicht ausreichend zu funktionieren. Die Eindrücke der Zerstörung sind für uns immer wieder erneut schockierend.
Der Rest des Tages wurde dann dazu genutzt, weiterhin online mehr Spenden zu aquirieren, sowie eine große Lieferung von Zeltplanen abzuschließen. Durch einen unserer guten Händlerkontakte, den wir beim Kauf unserer ersten Güter in Delhi geknüpft haben, konnte nicht nur unser Team, sondern auch einige andere freiwillige Volunteergruppen aus Kathmandu, sowie Helfer in der Region Gorkha, preisgünstige und qualitativ hochwertige Zeltplanen in Auftrag geben. Insgesamt gehen nun an die 1000 Zeltplanen nach Kathmandu und 300 Stück nach Gorkha. Zeltplanen sind immer noch das absolut wichtigste Gut, denn die Menschen brauchen zumindest in der Nacht und bei Regen ein bisschen Plastik über dem Kopf. Jede Zeltplane bedeutet, dass eine weitere Familie eine provisorische Unterkunft erhalten hat. Da der Monsum jedoch vor der Tür steht, muss der nächste Schritt sein, Wellblech in Unmengen zu organisieren und zu finanzieren, um dann mit der Phase des Wiederaufbaus zu beginnen.
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